Diagnose: Fatalismus

Dez 17th, 2009 | By feydab | Category: Dinge die mich ärgern, Politik, draussen vor der Tür
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Fatalismus ist per Definition eine Weltanschauung, die den Einfluss des freien Willens grundsätzlich verneint und insofern den Lebensweg weitgehend als fremdbestimmt definiert. Nach neoliberaler Auffassung ist also ein Fatalist der dümmste aller Menschen und in jedem Fall mitschuldig an seiner Situation. Unter diesem Tenor schwadroniert dann auch die FAZ mal wieder über das Gesellschaftsgefüge in Deutschland, anhand einer Allensbach-Analyse zum Thema Chancenauffassung in Deutschland in Abhängigkeit vom sozialen Status.

Die Aussagen die in dem Bericht getroffen werden sind schlichtweg skandalös und blenden sogar die Fakten aus, die im Beitrag selbst genannt werden. Es wird einfach nur das übliche Bild des Sozialschmarotzers kolportiert, der faul in den Tag rein lebt. Entgegen der eigenen Erkenntnis, dass “das frei verfügbare Einkommen, das nach Begleichen der notwendigen Lebenshaltungskosten bleibt, [...ist] in den unteren Schichten heute sogar real niedriger als in der Mitte der neunziger Jahre” deutet man den sozial Schwachen vermeintlichen Fatalismus und Leichtfertigkeit an.

[So] kann sich die überwältigende Mehrheit der unteren Sozialschichten nicht vorstellen, dass sich ihre materielle Lage mittel- und langfristig nennenswert verbessert [...]  Zwar wünschen sich 73 Prozent der Eltern aus den unteren sozialen Schichten, dass es ihren Kindern einmal bessergeht als ihnen selbst; nur 30 Prozent sind jedoch zuversichtlich, dass dies tatsächlich der Fall sein wird.

Dieser Statusfatalismus ist ein Eckstein der derzeitigen Bewusstseinslage der unteren Sozialschichten. Die Mehrheit von ihnen hält die sozialen Schichten für festgefügt und kaum durchlässig [...] Die Mehrheit der unteren 20 Prozent hält die sozialen Schichten für zementiert; nur 31 Prozent glauben an die Möglichkeit, durch Leistung die eigene Lage zu verbessern[...]

Der Statusfatalismus der unteren Schichten dämpft nicht nur das Zutrauen, die eigene Lage oder die der eigenen Kinder nachhaltig verbessern zu können, sondern prägt auch das Verhältnis zum Staat. Während besonders die Oberschicht, aber auch die Mehrheit der Mittelschicht die Bürger in der Verantwortung dafür sehen, wie sich das Land entwickelt, sind die unteren Sozialschichten mit großer Mehrheit überzeugt, dass die Bürger von dieser Verantwortung befreit sind, da sie ohnehin nichts ausrichten könnten; 57 Prozent der Unterschicht vertreten diese Position, nur 30 Prozent der oberen und 42 Prozent der mittleren Schichten.

Die Mehrheit der unteren 20 Prozent bekennt sich freimütig dazu, sich kaum mit gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen zu beschäftigen, sondern ausschließlich mit dem eigenen Nahbereich.

Es ist unglaublich mit welcher Penetranz und Dreistigkeit man heute immer noch behaupten kann, dass jeder es zu etwas bringen könnte, wenn er sich nur ausreichend bemüht.

Natürlich sind Eigenfleiß und stete Bemühung wesentlicher Bestandteil privaten Wohlstandes, allerdings zeigen eben auch die Studien zu Hartz IV auf, dass trotz aller Bemühungen nur ein Bruchteil der Transfereinkommen den Sprung in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung schafft. Der Ausbau des Niedriglohnsektors der vergangenen Jahre und das Heer der zur Verfügung stehenden Lohnsklaven bilden mittlerweile eine natürliche Barriere für den sozialen Aufstieg.

Selbst gut gebildete und ausgebildete Menschen – das s.g. Prekariat – sind heute kaum in der Lage ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, geschweige denn, dass die Rücklagen bilden könnten für die eigene Alterssicherung oder die Ausbildung der Kinder. Der systematische Abbau sozialstaatlicher Verpflichtungen wie Bildungsauftrag oder Krankenversicherungsleistungen tun ein übriges. Die Schere zwischen den notwendigen Eigenleistungen und den frei verfügbaren Diensten klafft immer weiter auseinander, diese Erkenntnis ist kein Fatalismus sondern Fakt. Wer immer weniger hat, kann nicht immer mehr aufwenden um Anschluß zu halten.

So ist denn auch die Aussage am Ende des Artikels mehr Hohn als ernsthafte Erkenntnis:

Die beste Sozialpolitik ist jedoch, die Durchlässigkeit der Gesellschaft zu verbessern und den Anteil der Bevölkerungskreise, die nur mit Hilfe des Staates ihre Existenz sichern können, so gering wie möglich zu halten.

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