Lieber Herr Westerwelle

Feb 23rd, 2010 | By | Category: Dinge die mich ärgern, draussen vor der Tür, Politik
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Ich gebe zu, dass ich Ihnen mit etwas Verspätung hinterherblogge, aber ich hoffe Sie verstehen, dass ich meinem Beitrag zum Bruttosozialprodukt in dieser wirtschaftlich schwierigen Zeit den Vorrang gebe, anstatt Ihnen sofort über den Mund zu fahren, anlässlich Ihrer fortdauernden Angriffe auf Transferleistungsempfänger – letztlich wäre das auch eine Syssiphosarbeit, denn offensichtlich werden sie garnicht müde sich zu entblöden.

Natürlich wurden Sie immer nur falsch verstanden und nicht die Hartz-Sätze oder gar deren Empfänger sind dekadent, sondern das System – wobei Sie aber immer noch die Antwort schulden, ob Sie sich auf das Hartz-System oder den Sozialstaat an sich beziehen, dabei würde ich Ihnen sogar begrenzt recht geben, dass wir uns nicht nur im Aufbruch, sogar schon auf dem besten Wege zu spätrömischer Dekadenz befinden, schließlich sind die heutigen Verhältnisse in Deutschland denen der Spätantike garnicht so unähnlich, allerdings ist das römische Reich nicht, wie von Ihnen suggeriert an einem überbordenden Sozialstaat kolabiert.

Die damalige Zeit zeichnete sich durch ein erstarkendes persisches Reich und den Einfall nord- und ostgermanischer Stämme nach West- und Mitteleuropa aus, die durch Missernten und terretoriale Streitigkeiten aus Ihrer Heimat vertrieben wurden. Das vormals blühende und freiheitliche Römische Reich, welches sich nicht zuletzt dadurch auszeichnete, dass es jede Form der Kultur akzeptierte und eine für damalige Verhältnisse weitgehende Chancengleichheit, das Bürgertum und soziale, wie wissenschaftliche Errungenschaften für sich nutzte, wurde von einer korrupten, eitlen Elite geführt, deren Ziele ausschließlich der persönliche Wohlstand war, sich von einem Heer an Sklaven bewirten und deren Profiteuren hofieren lies und darüber vergas, dass einzig das Wohlwollen einer nennenswerten Mehrheit in der Bevölkerung auch den Fortbestand der eigenen Kultur garantierte. Darüber hinaus verlor das Reich seine Wehrhaftigkeit, indem es sich in andauernde Kleinkriege verstrickte, die nicht nur viel Geld kosteten, sondern auch zunehmend die innere Ruhe und Ordnung gefährdeten, weil aufstrebende Randgruppen wie z.B. die Christen verfolgt und diskriminiert wurden.

Betrachtet man die Gegenwart, sieht man Missernten und Krieg in Afrika, gefolgt von Heerschaaren an Flüchtlingen, einen säbelrasselnden Iran, der an der Atombombe bastelt und Vetternwirtschaft, Korruption und Rezession allenorten. Wir verstricken uns in Kriege, die Unsummen verschlingen, obgleich es eh an Rechtfertigung mangelt und wir nicht wissen, wie wir sie gewinnen können. Die Legitimation unserer Regenten – also auch Ihrer – basiert auf einer stetig schwindenden Unterstützung aus der Bevölkerung, gleichzeitig lassen Sie sich aber von finanzkräftigen Eliten beeinflussen, und sind sich nicht zu schade, sie als Parteigänger zu protegieren und deren Interessen als “dienlich für das Gemeinwohl” zu propagieren. Das Heer der Lohnsklaven hingegen wird zu immer größeren Anstrengungen aufgerufen, und wenn diese nicht freiwillig erfolgen, setzen Sie auf verstärkten Zwang.

Als kleines Rechenbeispiel ihrer hochtrabenden “lasst die Hartzer schneeschippen” Philosophie gebe ich Ihnen folgende Einsichten eines meiner Bekannten hier wieder. Der jungen Mann ist in körperlich ganz ansehnlicher Verfassung und betreibt ein kleines Gewerbe als selbständiger Gebäudereiniger und Winterdienst mit 4 Angestellten/Subunternehmern. Auf meine Frage hin, ob er sich nicht freuen würde über die Schneemassen dieses Winters, schließlich sei das ja gut für das Geschäft, schaute er mich nur irritiert an und drückte seine Hoffnung aus, die Klimaerwärmung möge schnellstmöglich fortschreiten. Inzwischen sei er froh, dass er den Großteil seiner Winterdienste verloren hätte, denn umgerechnet würde er höchstens 2,4 Cent pro geräumten Quadratmeter berechnen dürfen – inkl. aller Anfahrtskosten, Betriebs- und Streumittel, um Aussicht auf Vertragsverlängerung zu haben.

So stimmt sie schon, die beschrieene spätrömische Dekadenz, nur ist es eben immer der Kopf vom Fisch, der anfängt zu stinken.

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